Über Alternative Future

Hintergrund

Ein hoher Anteil an Kindern und Jugendlichen, die in betreuten Wohnformen leben, hat einmal oder mehrmals im Leben Gewalt erlebt - entweder als Gewaltopfer oder als Zeug_in. Die Arbeit mit diesen Kindern und Jugendlichen stellt besondere Herausforderungen an die Fachkräfte; Abbrüche von Hilfemaßnahmen sind mit dieser Gruppe wahrscheinlicher. Zu den Herausforderungen gehört insbesondere der Umgang mit den besonderen Sensibilitäten dieser Kinder und Jugendlichen, ihren Bewältigungsformen und unter Umständen mit von diesen selbst ausgeübter Gewalt gegen andere Bewohner_innen oder gegen die Fachkräfte selbst.

Das Projekt Alternative Future zielt auf die Verbesserung von Lebenssituationen und Chancen junger Menschen, denen Gewalt widerfahren ist und auf die Unterstützung derer, die mit ihnen arbeiten. In sechs europäischen Ländern – Spanien, Bulgarien, Schottland, Italien, Deutschland und Österreich werden Bedarfsanalysen, Praxisentwicklungen und Unterstützungsmaßnahmen durchgeführt und die Ergebnisse dieses Projektes in Seminaren, einer Handreichung sowie einer Abschlusstagung präsentiert.

Wir wollen mit diesem Projekt das Verständnis und das Bewusstsein

  • für die Effekte von Gewalt auf das Wohlbefinden von jungen Menschen,
  • für die Bedeutung von Geschlecht für junge Menschen und die Arbeit mit ihnen und
  • für die Umsetzung der Rechte von Kindern und Jugendlichen

in Einrichtungen mit betreuten Wohnformen verbessern und Fachkräfte darin stärken, mit Kindern und Jugendlichen produktiv zu arbeiten.

Gewaltbegriff

Gewalt kann sehr unterschiedliches bedeuten. Wir arbeiten mit einem breiten Gewaltbegriff, der psychische, physische und sexualisierte Gewalt umfasst und Gewalterlebnisse innerhalb und außerhalb des Hilfesystems, vor dem Einzug in die Einrichtung oder während des Aufenthaltes und Gewalt unter Peers, sowie von erwachsenen Bezugspersonen einschließt. Vorstellungen darüber, was Gewalt ist, gehen manchmal auseinander - unter Jugendlichen kann es ebenso wie zwischen Jugendlichen und ihren Betreuer_innen Konflikte darüber geben, wann „der Spaß aufhört“ und Gewalt anfängt. Vielfach werden Gewalthandlungen von Täter_innen oder auch Betroffenen bagatellisiert: „es war doch nur Spaß“, „das gehört dazu“, „das hatte ich verdient“. In diesem Projekt wollen wir uns mit den verschiedenen Vorstellungen von Gewalt auseinandersetzen und Fachkräfte darin unterstützen, sich selbst und die von ihnen betreuten Jugendlichen für Gewalt zu sensibilisieren - im Rahmen der Möglichkeiten, die ihnen in der jeweiligen Arbeit gegeben sind.

Kinderrechte

Wir nehmen mit Alternative Future die in den Kinderrechtskonventionen formulierten Schutzrechte von Kindern in den Fokus – insbesondere Art. 19 zum Schutz vor jeglicher Form von Gewalt. Unter Berücksichtigung von Artikel 12, nach dem „dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht„ zugestanden wird, „diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern“, werden junge Menschen mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen direkt in den Entwicklungs- und Erkenntnisprozess des Projektes eingebunden.

Ziel des Projektes ist, dass Fachkräfte und die jungen Menschen die Rechte von Kindern und Jugendlichen kennen und sich für die Wahrung dieser Rechte einsetzen können.

Geschlecht

Neben dem Blick auf Kinderrechte liegt der zweite Fokus des Projekts auf der Bedeutung von Geschlecht. Geschlechtervorstellungen leiten unser Handeln - oft in Weisen, die uns nicht bewusst sind. Auch wenn dies manchmal eine Ressource ist, können Geschlechterbilder auch Möglichkeiten begrenzen. So sind Strategien der Bewältigung von Gewaltwiderfahrnissen oft mit Geschlechtervorstellungen verknüpft, was zu Einseitigkeiten und Einschränkungen führen kann. Auch können Geschlechternormen selbst Grundlage von Gewalt sein - etwa gegen Heranwachsende, die geltenden Geschlechterbildern nicht entsprechen. Für Fachkräfte wiederum stellt Geschlecht eine Ressource im Umgang mit Kindern und Jugendlichen dar, geschlechtsbezogene Inszenierungen können Sicherheit oder Verbundenheit schaffen. Doch auch hier kann es zu Einengungen kommen, wenn etwa die Geschlechtsbezogenheit von Verhaltensweisen der Kinder und Jugendlichen nicht erkannt wird und ihnen keine Erweiterung ihrer Handlungsmöglichkeiten angeboten wird.

Das Projekt Alternative Future bietet einen Rahmen, sich mit der Bedeutung von Geschlecht im eigenen Arbeitsalltag und für den Umgang mit gewaltbetroffenen Kindern und Jugendlichen auseinanderzusetzen. Wir berücksichtigen dabei die Vielfalt der Geschlechter und damit auch Geschlechtsidentität_en jenseits von männlich und weiblich, ohne die Wirkmächtigkeit des Zweigeschlechtermodells aus den Augen zu verlieren.

Ausblick

Wir hoffen darauf, dass Alternative Future dazu beiträgt, dass Kinderrechte in unseren Hilfesystemen respektiert und aufrecht erhalten werden, sodass junge Menschen aus der Jugendhilfe mit demselben Selbstbewusstsein und Optimismus heraus gehen können wie jeder andere junge Mensch auf dem Weg ins Erwachsenenleben.

Durch unsere Kontakte mit Entscheidungsträger_innen versuchen wir, politische Prozesse in Bezug auf Kinderrechte zu verbessern, die Lebensqualitäten und Lebenschancen junger Menschen in betreuten Wohnformen zu verbessern und Geschlechterperspektiven in der Umsetzung von Kinderrechten zu stärken.

Die Sensibilitäten und Kompetenzen von Fachkräften, die mit jungen Menschen arbeiten, werden erweitert. Während wir bereits durch die Fortbildungen und Seminare eine bedeutsame Zahl an Personen erreichen, hoffen wir auf eine breitere Wirkung in der Jugendhilfe durch die Weitergabe des vermittelten Wissens durch die Teilnehmer_innen an Kolleg_innen.

Zuletzt aktualisiert am 17.10.2017